Astor vom Koloman

Es kommt der Tag, an dem wir zum 1. Mal nach langem Suchen endlich vor einem Wurf Hovawart-Welpen stehen. Es soll ein Mädchen sein. Leider werden diese nur zu Zuchtzwecken abgegeben. Nein, züchten wollen wir nicht. Die Enttäuschung ist groß. Nach einigen Überlegungen entscheiden wir uns zum Kauf eines Rüden. Die Auswahl trifft ein rotblondes, sehr aufdringliches Kerlchen selbst für uns! Er hat es auf uns abgesehen und weicht nicht von meiner Seite. ASTOR! Na gut, du willst also mit? Es ist nicht zu übersehen oder -hören. Der Züchter ist unschlüssig. Die große Familie, ein Baby und dann auch noch ein Hundebaby? Wir räumen, wenn auch mit einem etwas mulmigen Gefühl, seine Bedenken beiseite. Ich werde schon mit einem solchen Rüpel und meiner Familie zurechtkommen.

Die ersten Tagen und Wochen im neuen Heim zeigt sich unser neues Familienmitglied sehr anhänglich, süß und neugierig. Aber schon bald wird aus diesem niedlichen Etwas ein wildes, zwickendes, garstiges Untier. Nichts ist vor ihm sicher. Ärmel, Hosenbeine, Schuhe, Püppchen, Stofftiere, Bausteine, Socken, Handtücher,….. . Oh wie gut kann ich heute unsere Welpenkäufer verstehen, wenn sie sich über verräterische Spuren an Armen und Beinen
beschweren. Sich die Garderobe allmählich leert. Gut, dass man den Altkleidersack noch nicht abgegeben hat. Erziehung tut Not! Mit 5 Monaten weiß der kleine Kerl schon sehr genau, erst ab einer bestimmten Tonlage wird es ernst. Ab etwa dem 8. Monat weiß er gar nichts mehr! Im Gegenteil! Er wird immer spitzfindiger. Seine Methoden uns zu umgarnen, auszutricksen, einfach zu überlisten, wird immer raffinierter. Hier erwacht nun endlich mein Ehrgeiz. Es wäre doch wohl….. . Unsere „gegenseitige“ Erziehung nimmt strenge Formen an. In 3 nerv- und kräfteraubenden Monaten lerne ich, es bringt nichts die Stimmbänder zu strapazieren. Die Strategie wird geändert. Nein heißt nein und bleibt nein. Und wenn wir dazu 20 Minuten an ein und demselben Fleck verbringen. Denn schließlich gibt der Klügere nach. Bekanntlich ist der Hovawart sehr lernfähig. Als Mensch mache ich mir das zu Nutzen. „Er“ gibt nach und hat seine Ruhe. Mit der Zeit reicht ein strenger Blick.
So schnell sich das Hundekind in der Familie eingelebt, mit unseren Kindern angefreundet hat, es vergehen gut 2 Jahre, bis ich schließlich einen Hovawart habe, wie er mir beschrieben wurde:
– auffallend schön, groß, kräftig – aber nicht schwerfällig
– langhaarig – aber pflegeleicht
– sehr anhänglich, familienbezogen – aber sehr selbstbewußt
– sehr einfühlsam, freundlich – mit stark ausgeprägtem Schutztrieb
– wo erforderlich angenehm unauffällig – wo immer möglich sehr temperamentvoll.

Ich habe einen traumhaften Begleiter, der sich jeder Situation gewachsen sieht und mir selbst immer das Gefühl gibt, er geht für mich durch’s Feuer. Er ist immer da, für alle. Er kennt jede Stimmungslage. Er ist immer bereit zum Einsatz als Schmusetier, Kummerkasten, Spielkamerad, Wachhund und Freund. Niemand mag ihn hier mehr missen. Wir können ihm unsere kleinen Kinder anvertrauen, Haus und Garten. Auto-, Bahn- oder Schiffsreisen; er nimmt alles gelassen. „Männlein“, so nennen wir ihn von klein auf, ist zuverlässiger als jeder Freund.
Mit 4 Jahren bekommt er ein Hovi-Mädel „Candy“ zur Hilfe. Mit wenigen Ausnahmen übernimmt er ihre Erziehung. Uns bleiben nur leichte Korrekturen und die Freude an 2 wunderbaren Hovawart-Hunden; den Eltern unserer A-, B- und C vom Rothenbruch.
Inzwischen ist Astor Großvater und hat den Kosenamen Männlein abgelegt. Er ist jetzt der „Alte Mann“ und weiß dies mit Würde zu tragen. Mit 10 Jahren weiß er sehr wohl sich vor den Jungen Ruhe zu verschaffen. Er zieht es oft vor, draußen im Garten, oder aber auf „seiner“ Matte im Schlafzimmer zu liegen. Große Wanderungen, wie wir beide sie früher täglich gemacht haben, mag er nicht mehr. Aber seine langen Waldspaziergänge liebt er. Sie sind für ihn selbstverständlich, wie sein mindestens 1x täglich auftretender Anfall von jugendlichem Übermut. Welcher Hovawart-Besitzer kennt das Spielchen nicht? ‚Rückwärts springend, hopsend und tobend bewegt er sich vor den Zweibeinern her. Immer im Abstand von etwa 2 m, damit man nicht erst zur Vernunft kommen muß.‘ Man bellt, knurrt und jault, bis endlich die Luft ausgeht. Wie oft bringt er uns zum Lachen? Man kann ihm gar nicht böse sein. „Alter Mann, Du kommst in die Suppe“. Wie oft habe ich damit gedroht, wenn er wieder einmal nicht zu bremsen war?

Und wie oft habe ich ihm versprochen, dass er einen schönen Lebensabend bei uns verbringen wird. Wie könnten wir ihm anders für diese vielen unvergesslichen Momente, die er uns gegeben hat danken? Er hat uns leider nicht die Zeit gelassen, unser Versprechen einzulösen. Schuld hat sein jugendlicher Übermut, vielleicht auch ein unfähiger Tierarzt? Astor stirbt im Alter von nur 10 Jahren an einem Hitzschlag.

Oktober 1995