Babsy vom Rothenbruch

1992: Unser 2. Wurf ist da. Und nach der guten Entwicklung unserer ersten Hovi-Kinder ist schon ganz sicher – ein Mädel bleibt! Ja und welches entscheidet sich, für mich aus damals eigentlich noch nicht wirklich ersichtlichem Grund, schon recht früh. Babsy! Ist es ihre Mimik? Ihre bedächtige ruhige und sichere Art? Ist es ihre ganze Ausstrahlung? Sind wir da schon fasziniert von ihrem unvergesslichen Blick? Ich weiß es heute nicht mehr! Es könnte so viele Erklärungen dafür geben, die angesichts ihrer gesamten Entwicklung alle verständlich wären. Wie: die Ähnlichkeit mit ihrem Vater, unserem 1. Hovawart, nicht nur seitens des Erscheinungsbildes. Ihr gelassener Umgang mit allen Menschen. Egal ob sie ihr freundlich oder böse gesinnt sind. Nie begegnet sie jemandem unfreundlich. Im Gegenteil, durch ihre ruhige und unglaublich liebenswerte Ausstrahlung überzeugt sie in ihrem Leben so manchen Hundegegner. Man kann sich ihr nicht einfach entziehen. Sie besitzt ein unendliches Vertrauen in „ihre“ Menschen und nimmt jeden Befehl bedingungslos an. Für sie gibt es keine schlechten oder bösen Befehle.

Befehle? Nein eigentlich ist das der falsche Ausdruck. Wann muss ich bei ihr laut werden? Kommandos geben? Überzeugt sie uns nicht von klein auf davon, dass sie ein Kind in der Familie ist und entsprechend erzogen und geliebt werden muss?

Babsy wächst heran und entwickelt sich völlig unproblematisch. Und obwohl sie mit ihren Eltern lebt und tobt, genießt sie die vielen Spielstunden mit ihren Geschwistern, die sich immer wieder anbieten und sicher ihr Sozialverhalten mit bedeutend prägen. Wenn sich die Möglichkeit bietet, zeigt sie ein ausgeprägtes Temperament, das sich im Familienalltag kaum erahnen lässt. Recht früh ist sie erwachsen und „vernünftig“. So scheint es uns, bis zu ihrem 1. Wurf mit 2 Jahren. Die Geburt sowie die darauf folgende 1. Woche zeigen uns, dass sie längst noch nicht so weit ist, um die verantwortungsvolle Mutterrolle zu übernehmen. Wir fassen erst einmal den Entschluss, ihr „dies“ nie wieder zumuten zu wollen, bis schließlich in der 2. Aufzuchtwoche das Eis gebrochen ist, sie in ihrer Mutterrolle aufblüht. Immerhin steht für uns fest; es wird keine Hündin mehr vor dem vollendeten 3. Lebensjahr Welpen aufziehen dürfen (müssen). Zumal dieser Wurf, wie sich im Anschluß zeigt, ihr denn doch bis dahin noch kindliches Verhalten rapide beendet hat. Ein Jahr später zieht sie gemeinsam mit ihrer Mutter Candy deren letzten Wurf auf. Und wie deutlich zeigt sich das unterschiedliche Wesen dieser beiden Hündinnen? Wie harmonisch die Zusammenarbeit! Candy ist unübertrefflich in der Welpenpflege. Sie putzt und säugt unermüdlich, bis ihr die Welpen irgendwann (3.-4. Woche) sprichwörtlich über den Kopf wachsen. Sie toleriert bereits ab der 2. Woche Babsy’s Schmuseeinheiten und überlässt ihr „gerne“ die nun schon aktiven Hundekinder. Babsy ist in ihrem Element. Es ist eine Freude ihr beim Herumtollen mit ihren kleinen Geschwistern und bei deren Erziehung zuzusehen.

Es folgt 2 Jahre später ihr 2. Wurf mit 9 Welpen. Sie strahlt nun eine große Sicherheit, Ruhe und Souveränität aus. Anders als Candy sieht sie die Popopflege der Welpen wohl nicht als so wichtig. Da reicht das „Muss“. Dafür ist sie kaum aus dem Welpenauslauf herauszubringen. Das Spiel, die Erziehung der Welpen ist „ihre“ Aufgabe. Und hierin ist sie unermüdlich. Auch ihren 3. Wurf hat sie, trotz seiner Größe von 12 Welpen, „fest im Griff“. Die Erziehung ist ganz augenscheinlich ihre Stärke. Selbst den „Ansturm“ der bereits kräftigen 7wöchigen Welpen auf ihre Milchbar nimmt sie unglaublich gelassen hin.
Ich bewundere sie! Ihre Nervenstärke! Wie selbstverständlich hat Babsy längst die Führung in unserem Hunderudel übernommen. Zu keiner Zeit wird ihr diese Führung streitig gemacht. Weder von ihrer Mutter, noch von ihrem jüngeren Halbbruder. Sie zeigt sich in dieser Position ebenso sicher und souverän wie bei ihrer Welpenerziehung. Ihre Fürsorge lässt sich täglich besonders sichtbar an Candy’s und Finchen’s Köpfen erkennen, die nicht der gründlich pflegenden Zunge entgehen und dies sichtlich genießen.

Die Welt ist in Ordnung, bis wir eine auffällige haarlose Stelle im ansonsten unauffälligen Haarkleid vorfinden und diese diagnostizieren lassen wollen. Babsy wird von der Tierärztin mit einem Pferdewurmmittel „therapiert“ und so beginnt eine lange schlimme Zeit für unser Hundemädchen und uns. 1 Jahr lang ist ungewiss, ob der angerichtete Schaden zu beheben ist. Nie zuvor benötigte sie einen Tierarzt, außer für die erforderlichen Impfungen. Jetzt muss sie viele Untersuchungen, mit und ohne Narkose, erfolglos über sich ergehen lassen. Und es ist ein Wunder, eine Erlösung für uns, als sich endlich gesundheitliche Fortschritte zeigen; Babsy schließlich wieder „alles“ in sich hineinfressen kann, was ihr schmeckt.
Ein Jahr darauf wird Babsy zum letzten Mal Mama. Es sind leider nur 3 Welpen. Und da nicht immer alles gut verläuft, müssen diese per Kaiserschnitt ans Tageslicht geholt werden. Ganz nebenbei wird schließlich auch die Ursache für die (also hormonell bedingte) auffällige Hauterscheinung gefunden; mehrere Zysten an Gebärmutter und Eierstöcken. Ich kann mich aber nicht mit dem Gedanken anfreunden, mein Mädchen jetzt kastrieren zu lassen, zumal mir versichert wird, dass es sich um gutartige Zysten handelt. Die Operation ist schnell vergessen. Es ist ein Vergnügen, die Aufzucht von „nur“ 3 Welpen zu verfolgen, da sie in der Familie problemlos und ohne Einschränkung und irgendeinen großen Arbeitsaufwand oder Stress aufwachsen.

Zurück bleibt aber die Frage, ob nicht die Entfernung der veränderten Eierstöcke und Gebärmutter richtig gewesen wäre. Denn schon bald zeigen sich kleine Knoten in den Gesäugeleisten. Aber auch jetzt möchten wir der Hündin keine weitere Operation zumuten, zumal die beiden Knötchen über 3 Jahre keinerlei Unauffälligkeiten zeigen. Erst im 12. Lebensjahr werden diese aktiv, wachsen innerhalb von 6 Monaten zusehends. Babsy zeigt zwar inzwischen einige „Alterserscheinungen“, die sich allerdings eher in „Schwerhörigkeit“, „Blindheit“, „Desinteresse“, etc… zeigen, jedoch in einem solch unterschiedlichen Ausmaß, dass der Ernst solcher „Erkrankungen“ nicht unbedingt wahr zunehmen ist. Allerdings macht uns ihr ständig zunehmender Bauchumfang Sorgen. Wir müssen davon ausgehen, dass sich inzwischen Metastasen in anderen Organen gebildet haben, die aber weiterhin keinerlei Beschwerden verzeichnen.
Bis zu dem Tage, an dem einer unserer Hunde einen gewaltigen Magen-Darm-Infekt mit nach Hause bringt, der unser Hunderudel trifft. Es bedarf nur weniger Tage, in denen wir zusehen müssen, wie Babsy abbaut, die Tumore ein entsetzliches Ausmaß annehmen. Unser altes Mädchen zeigt uns, es wird Zeit Abschied zu nehmen.
Und dann kommen Zweifel auf! Hätte man nicht doch damals einer Kastration zustimmen sollen? Hätte man die Gesäugeleisten entfernen lassen sollen? Ja hätte man nur……. Andererseits hätte eine Operation dauerhaften Erfolg gebracht? Hatten wir uns nicht geschworen, ihr keine unnötigen Behandlungen mehr zuzumuten? Hat unser Mädchen nicht damals genug durchgemacht und trotzdem ein schönes Alter erreicht? Ja, aber vielleicht wäre sie noch einige Jahre bei uns gewesen, wenn…… Wir wissen es nicht! Diese Unwissenheit ist unerträglich! Unerträglich wie der Gedanke: Nie wieder morgens durch ihre kalte Nase unter meiner Bettdecke geweckt zu werden. Nie wieder in ihre wunderschönen, warmen, so verständnisvollen, alles verstehenden, alles wissenden, gutmütigen Augen zu sehen. Nie wieder meine Nase in ihr, noch Stunden nach ihrem Tod, nach blühendem Ilex duftendes Fell stecken zu können. Aber noch unerträglicher wäre es gewesen, sie weiter leiden sehen zu müssen.

Babsy hat nun Ruhe neben ihrem Vater gefunden, dem sie so ähnlich war. Ich vermisse sie so sehr. Vielleicht ist ihr Abschied nur ein neuer Anfang? Vielleicht wird es irgendwann wieder dieses kleine blonde Mädel geben, mit diesen wunderschönen Augen, diesem Duft nach blühendem Ilex und einer großen kalten Nase, die mich morgens weckt?