Candy vom Salzweg

Caline, Trinchen, Jule, Alte, Hippe,……., nur einige der wenigen Kosenamen, die wir für unsere 1. Hovawart-Hündin, je nach Nervenanspannung hatten. Schwer war ihr Start in eine neue Welt, als wir sie mit ihren 8 Wochen in unsere Familie holten. 5 kleine Kinder und unser 4jähriger Hovawart-Rüde Astor ließen nicht erst den Traum aufkommen, die 1. Geige spielen zu können. Die ersten erzieherischen Maßnahmen durch Astor, waren für Candy so unmissverständlich, dass sie nie wieder versuchte, einen höheren Platz einzunehmen.

Aber nichts büßte sie durch diese Unterordnung ein. Im Gegenteil! Wir bewunderten immer wieder ihre Raffinesse, mit der sie unseren Rüden austrickste, ihn umgarnte und ihn in so mancher Situation „zum Hampelmann“ machte.

Candy’s Einsicht – der Klügere gibt nach – führte immer zum Erfolg. Wie oft schickte sie den Großen hinaus in den Garten, wenn sie ihren Hundekuchen, Trockenpansen, etc. regelrecht heruntergewürgt hatte? Laut bellend, Signal „da ist was los“, rannte sie auf die Terrasse, wartete, bis er zwecks Klärung der Angelegenheit in den Garten lief. Los war nie etwas! Außer er sein Leckerchen! Nie hat er dieses Spiel, diese Taktik begriffen! Da Astor für uns die grobe Erziehung übernahm, blieben uns lediglich kleinere Arbeiten. Will man Candy’s besondere Eigenarten hervorheben? Es bleibt nicht viel. Sie war ein typisches Hovawart-Mädchen, mit allen erwünschten Wesensmerkmalen. Unauffällig im Haus, in der Familie. Sehr temperamentvoll und verspielt im Umgang mit allen Hunden. Wobei sie keine Ausnahmen machte zwischen Rüden und Hündinnen. Sie war für Machtkämpfe nie zu haben, wusste sich aber im Ernstfall zu wehren. Alle Menschen, ob groß ob klein, wurden von ihr freundlich begrüßt, so dass niemand ihr den tatsächlich vorhandenen, ausgeprägten Schutztrieb zugetraut hätte.
Wer sie und ihre Schönheit nicht freiwillig bewunderte, lernte ihren ganzen mädchenhaften Charme kennen. Wer konnte sich dem Blick dieser treuen Hundeaugen, dieser einem Betteln vergleichbaren Gestik, wenn sie sanft ihre Pfote auf den Arm des Auserwählten legte, entziehen?
Wir waren uns mit den Jahren sicher, sie ist einmalig, mit ihrer Fähigkeit uns Menschen zu umgarnen und zu beschwichtigen, auf sich aufmerksam zu machen

Natürlich gab es auch „andere Qualitäten“. Wie jeder andere Hovawart musste sie schon recht früh lernen, ihre Bewegungsfreudigkeit, ihren Spiel- und Lauftrieb auf „tote“ Gegenstände zu beschränken. Auch wenn sie sich nie aus unserem Blickfeld entfernte, die Versuchung war groß.
So viel und so vorsichtig sie mit unseren noch kleinen Kindern spielte, es gab Situationen, in denen sie keinen Spaß verstand. Wir allerdings auch nicht! Und so zielte die erzieherische Maßnahme auf alle Beteiligten, was fraglos nach dem 1. heftigen Einsatz für alle Zeiten geklärt war.

So gerne unser Mädchen bis ins hohe Alter „mitten im Leben“ stand, so sehr zeigte sie, was ihr nicht behagte. Sie war begeistert, wenn sie bei Hundewanderungen mit vielen anderen Hovis toben konnte. Selbst im Alter von 11 Jahren erstaunte sie uns noch, wenn sie mit ihren Kindern und Kindeskindern übermütig durch Bäche und Matschgräben tobte und kein Ende fand, so dass wir ein besorgtes Auge auf Candy haben mussten. Dafür waren ihr alle „einengenden“ Veranstaltungen ein Greul. Dies zeigte sie so deutlich, dass oft genug der Eindruck vermittelt wurde – diese arme Kreatur leidet unter ihrem Besitzer. Manches Mal war dieser Anblick eines gedemütigten, gequälten, wie geprügelt dastehenden Hundes, unerträglich. Unterwürfiger schräger Blick, hängende Ohren, Schlappschwanz, der „Gang zum Pranger“. Kurzum ein Häufchen Elend stand im Ring und brachte mich zur Weißglut. Denn, gerade das Gebäude verlassen – Ohren hoch, Rute hoch, frecher Blick – endlich, und was machen wir jetzt?

Wir haben es an ihr geliebt, dieses Wesen, diesen Dickkopf, diesen beharrlichen Eigensinn, mit dem sie uns bis fast an ihr Lebensende davon überzeugte, dass sie einzigartig ist. In ihr fanden wir alle Eigenschaften, die man einem Hovawart nachsagt. Vor allem diese hovawart-typischen Merkmale, die von Anfang an für Spaß und Spannung in unserem gemeinsamen Lebensalltag sorgten.
Bis wenige Wochen vor ihrem Tod, hat sie es mit ihrer so eigenen Art verstanden, uns in Trapp zu halten. Ihr „Altersstursinn“ machte uns manches Mal zum Sklaven. Wenn ihr der Sinn nach Spaziergang stand, dann ging man! Auch wenn ihr ½ Stunde zuvor nicht danach war. Sie konnte uns mit ihren fordernden Blicken so fixieren, dass wir, immer mit dem Gedanken „sie ist ja schon so alt“, gezwungenermaßen nachgeben mussten.

Bereits im Herbst des vergangenen Jahres wurde uns schließlich bewusst, dass es bald Abschiednehmen heißt. Sie zeigte sich gehäuft unfähig, ihre Blase zu kontrollieren, nahm kaum noch Nahrung zu sich und urplötzlich nicht mehr am Familienleben teil. An manchen Tagen erschien sie uns so hinfällig und abwesend, dass wir den Tierarzt informierten. Dann wieder verblüffte sie mit ihrer Energie, die sie aufbrachte, um ein paar herumliegende und von ihr eingesammelten Knochenreste zu verteidigen.
Bis wir schließlich doch einsehen mussten, dass sie selbst mit uns und ihrem Leben abgeschlossen hatte und, nur kurz vor ihrem 13. Geburtstag, den letzten Schritt selbst übernahmen.
So schwer uns diese Entscheidung fiel, so erleichtert waren wir, ihr diesen für sie sanften Weg in die wohlverdiente Ruhe gegeben zu haben.

Kein Hovawart wird sie ersetzen können. Aber wir freuen uns ihre Kinder und Kindeskinder aus den Würfen gelegentlich wiederzusehen und über diese „einzigartigen“ Wesenszüge, die unser altes Mädchen denn doch an viele ihrer Nachkommen weiter gegeben hat.