Edynjo vom Rothenbruch

Ich sitze seit Stunden in der Wurfkiste und glaube meinen Augen immer noch nicht zu trauen: 1 schwarzes Pärchen liegt neben 7 weiteren Welpen (sm und blond) an Mama Candys Zitzen. Es ist Candys 4. und letzter Wurf. Und wie die Gene „sich begegnen“, selbst bei Tageslicht bleiben diese beiden Babys „schwarz“, was dann wieder die bisher bekannten Aussagen (mehr wie 3 Generationen müssen nicht berücksichtigt werden) zu Nichte macht.
Das schwarze Mädel Eyleen entwickelt sich recht schnell zu einer selbstbewussten Persönlichkeit. Hingegen fällt ihr Bruder Edynjo durch seine zurückhaltende Art sehr auf. Er ist DIE Ausnahme in unserer Wurfkiste. Ein „Schönling“! Er unterscheidet sich deutlich von allen Geschwistern und überhaupt von allen bisherigen Welpen, die wir bisher aufzogen. Er ist weder für großartige Entdeckungen, noch für Streitereien unter den Geschwistern („Ach, ohhh, nein, ich bitte nicht….“) zu haben. Sobald es etwas „munterer“ oder lauter wird, sitzt das schwarze Knäuel abseits und harrt der Dinge die da kommen. Fremde Menschen? Interessenten? Eddy verschwindet in irgendeiner Ecke des Welpenzimmers und beobachtet jede Bewegung der Besucher. Schnell hat er in unserer Familie den Rufnamen „Weichei“ weg, der ihn sein ganzes Leben liebevoll verfolgt.
Eddy ist einer der Welpen dieses Wurfes, dessen zukünftigen Besitzer sehnsüchtig auf den Abgabetag warten. Und je näher dieser bewusste Tag heranrückt, desto mehr kommen mir Zweifel daran, ob dieses Zuhause für ihn richtig ist. Zum einen schwärmt sein zukünftiges Herrchen davon, endlich wieder mit einem schwarzen Hovawart auf einem Hundeplatz „arbeiten“ zu können. Aber doch noch eher, weil mein Mann, der sich sonst nie für einen unserer Hunde interessierte, geschweige denn in diese Welpenvermittlung einmischt, erstmals Zweifel zeigt. Sind bisher alle unsere Hovis, sowie die Welpenaufzucht und alles was überhaupt mit unseren vierbeinigen Familienmitgliedern in Zusammenhang gebracht werden kann, mein Hobby, meine Liebe, wodurch alle unsere Hovawart-Hunde bis dahin in meiner Verantwortlichkeit stehen, so finde ich meinen Mann immer häufiger im Welpenauslauf, beim Spielen mit diesem Fellhäufchen vor. Auffällig ist schließlich, dass es seiner Meinung nach, für diesen Welpen überhaupt niemanden gibt, der wirklich geeignet ist, somit jeder weitere Interessent den Weg zu uns umsonst fährt. Und wie anders könnte es sein? Eddy bleibt und ist fortan Papas Hund (zumindest für die schönen Zeiten). Er ist sehr gelehrig und, wie seine Mama Candy, leicht führbar. Er gliedert sich überall problemlos ein, so lange fremde Menschen und Hunde seine Zurückhaltung und das vorsichtige Annähern akzeptieren. Meine Bedenken, dies ist zu der Zeit der 3. Rüde in unserem Rudel, sind unbegründet, da Eddy jeder Konfrontation aus dem Wege geht. Er zeigt keine „Führungsansprüche“. Dafür erstaunt sein Dickschädel, sein Eigensinn, den man einem solchen sanften Hund gar nicht zutraut, umso mehr. Er „hinterfragt“, schon als Welpe, jede An- und Aufforderung an ihn („Muss das so sein? Warum muss ich das jetzt? Du meinst das nicht sooo? Vielleicht dann doch nicht?“) hovitypisch, so dass sein Herrchen schon bald resignierend einsehen muss „wir sind für eine Welpenschule nicht geeignet“. Warum Befehle befolgen, die keinen Sinn machen? Warum in die Matsche legen? Warum im Kreis laufen? Sitz, Platz, Steh……. Wenn es wichtig ist…… Wenn nötig……. Aber nicht einfach so und ohne Grund! Jedoch ist er stets bemüht, sich unseren Lob zu sichern. Er wächst mit jedem guten Zureden weit über sich hinaus und nach jedem Lob ist er der „Größte“.

Wie traumhaft schön er ist, wenn er mit stolz erhobenem Kopf und „fröhlicher“ Rute vor uns „schwebt“. Hingegen, seine Futtermäkeligkeit bringt uns zur Verzweiflung. Wenn er seinem gefüllten Futternapf „naserümpfend“ den Rücken kehrt…. Immer wieder nachschaut, ob nicht doch das Angebot erneuert wird und sich schließlich genauso unbeugbar behauptet wie ich, was dann meistens (nach 3tägiger Fastenzeit) darauf hinausläuft, dass der Klügere (in diesem Falle der Mensch) nachgibt…. Es braucht einige Jahre, bis er sich mit gutem Appetit seinem Futternapf zuwendet, jedoch wird immer erst einmal kontrolliert, ob auch das „gewisse“ Leckerchen im Futter versteckt ist. Egal ob ein Stückchen Trockenpansen, Käse, getrocknete Leber, gekochtes Eigelb, eine Ecke Bratwurst, etc….. Ohne geht es nicht! Er ist ohnehin, nach seiner Mama Candy, deren sämtliche Wesensmerkmale sich in ihm wiederspiegeln, der intelligenteste unserer Hunde. Aber auch der empfindsamste (weiche), in befremdenden, ihm unheimlichen Situationen eher zum defensiven Verhalten neigende Rüde. Er weicht unterwegs streitsüchtigen Hunden, ebenso wie ihm unangenehmen Situationen/ Menschen, grundsätzlich aus. Jedoch, ist eine Ausweichmöglichkeit für ihn immer dringend notwendig, will man ihn nicht zum Angriff (aus Unsicherheit) zwingen.

Im Haus bevorzugt er zum „Rückzug“ eine Nische hinter unserer Essecke. Und wie schnell verschwindet er in ihr, hält er es für angebracht! Auch oder besonders dann, wenn er seine „Rechte“ überschritten und meinen Tadel vor Augen hat.
Eddy ist unser 6. Hovawart, jedoch der erste, der mir im Erwachsenenalter, anlässlich einer, wie ich meinte, erforderlichen Mensch-Hund-Auseinandersetzung, so unmissverständlich droht, nicht weil er seinen Rang bestimmen will, sondern aus Unsicherheit, so dass ich den Rückzug antrete. Eddy leidet, nicht minder als ich, in den kommenden Tagen sehr unter meiner wortlosen Nichtbeachtung. Egal in welchem Raum ich mich aufhalte, ein großer schwarzer Schatten verfolgt mich lautlos. Er lässt sich ebenso lautlos in meiner unmittelbaren Nähe fallen. Ob am Schreibtisch, Esstisch, in der Küche, im Bad, neben dem Bett…… Es bricht mir fast das Herz; wie sehr er leidet. Aber wir haben beide, er wie ich, für das gemeinsame Leben gelernt! Gelernt dass eine Mensch-Hund-Beziehung nur dann funktioniert, wenn sie auf gegenseitigem Respekt basiert.

Im Haus bevorzugt er zum „Rückzug“ eine Nische hinter unserer Essecke. Und wie schnell verschwindet er in ihr, hält er es für angebracht! Auch oder besonders dann, wenn er seine „Rechte“ überschritten und meinen Tadel vor Augen hat.

Eddy lernt im Alltag, durch und mit unseren übrigen Hovis und er ist ein Schmusehund. Nicht nur für uns und unsere Töchter. Seine Mama Candy wird, „überschüttet“ mit „Liebe“. Oft ist ihr Köpfchen nassgeputzt vor lauter „Zärtlichkeit“.
Eddy ist 6 Jahre, als Candy uns verlässt. Ihr Tod ist für ihn sehr schlimm, ja unverständlich. Es dauert eine Weile, bis er schließlich versteht…. . Unsere übrigen blonden Hovawart-Hündinnen sind für seine Mama kein Ersatz. Es ist offensichtlich, das zeigt auch seine Ablehnung gegenüber deckwilligen blonden Hovawart-Hündinnen, seine schwarzmarkenfarbene Mama hatte insgesamt einen sehr großen Einfluss auf seine Wesensentwicklung. Er findet weder zu Babsy, noch zu Finchen dieses Vertraute, dafür aber in unseren einjährigen schwarzmarkenfarbenen Rüden Ilko einen Schmuseersatz. Dass 2 körperlich gleichwertige Rüden, ein solches harmonisches und aufeinander abgestimmtes Leben führen können ist mehr als bewundernswert. Eddy liebt den „Kleinen“ der, kaum erwachsen, heimlich die Rudelführung übernimmt und seine überschwänglichen Schmuseeinheiten mehr duldet als genießt. Wir schauen diesen beiden wunderschönen Rüden fasziniert zu, wenn sie mit-/nebeneinander eine Weide hinunterjagen. Wir belächeln dieses „Paar“, wenn es einträchtig nebeneinander liegt wie ein altes Ehepaar. Und wir sind glücklich über diese Harmonie zwischen den beiden Rüden. Die Jahre haben an dem Verhältnis der Beiden nichts geändert, bis zu jenem Tag im August 2006. Und dennoch, als Ilko uns wenige Wochen später verlassen muss, gibt es unseren „alten“ Eddy nicht mehr. Lustlos zeigt er sich während der Spaziergänge. Selbst unser blonder Hüpfer Amara bringt ihn nicht in Schwung. Er ist in kurzer Zeit sehr alt geworden. Seine Kurzatmigkeit macht uns Sorgen. Wir stellen ihn mehrfach einem Tierarzt vor. Nein, sein Herz ist ok. Aber es geht ihm nicht gut?! Eddy baut zusehends ab. Es werden schließlich verschiedene Röntgenuntersuchungen gemacht. Diese bringen einen Tumor außerhalb der Luftröhre zum Vorschein, der diese einengt/ abdrückt. Und wieder stehen wir in der Verantwortung bzw. vor der Frage, was ist für unseren Rüden das Beste? Unser Tierarzt schätzt diesen Tumor als gutartig ein, schließt aber bei einem 11,5jährigen Rüden eine solche große Operation aus. Eine weitere Tierklinik aufsuchen? Wir müssen uns entscheiden. Wie würde Eddy entscheiden?
Soweit möglich, wird er medikamentös unterstützt. So gut und so lange, wie es für ihn angenehm ist.
Wir beschließen, nach vielen Für und Wider, einen Welpen in unser Rudel aufzunehmen. Natürlich muss er schwarzmarken sein! So hoffen/ wünschen wir, dass Eddy noch einmal alles das ausleben kann, was sein Leben bereicherte: Mit (s)einer neuen Hundeliebe!
Für diese bleibt ihm keine Zeit. Sein Urenkel Arco-Marlon kommt nur wenige Tage nach seinem Abschied zu uns.
Eddys „Schatten“ ist für mich immer noch gegenwärtig. Wie oft schiebe ich meinen Stuhl vorsichtig zurück (so leise und so dicht legte er sich hinter mir nieder). Noch immer ertappe ich mich dabei, dass ein „besonderes“ Leckerle in den Futternäpfen fehlt und so sehr fehlt dieser große schöne Kopf mit diesen klugen treuen Augen, den er, auf Streicheleinheiten wartend, in meinen Schoß legt. Und keiner unserer übrigen Hovis besteht wie er jemals so auf einzelnen Ritualen:
– Das Leckerchen nach der Heimkehr eines Zweibeiners? Pflicht!
– Der halbe Becher Hüttenkäse vor dem Futter? Pflicht!
– Der besondere „Pfiff“ im Futter? Pflicht!
– Der große harte Hundekeks nach dem Futter? Pflicht!
Und wenn dann jemand dieser „Pflicht“ nicht nachkommt? Es schlichtweg vergisst? Nein, vergessen gibt es nicht.
Man wird so lange verfolgt, oder es wird mit breitem Popo vor der Ablage sitzend penetrant auf die große Keksdose
gestarrt, bis endlich, endlich ein vergesslicher Mensch sich erinnert……..
Er, der große schwarze, auf viele Menschen bedrohlich wirkende und doch so sanfte Eddy, wird in seinen Nachkommen leben. Und wer weiß, irgendwann wird sicher ein Urur(ur)enkel, ein großer schwarzer Schatten………