Finchen vom Rothenbruch

Auch Finchen soll eigentlich das „Nest“ verlassen. Aber bereits im Alter von 4 Wochen stellen wir fest, das Mädel hat „etwas“. Sie ist neugierig, sehr lernfähig in allen Bereichen, gewitzt und alles andere als zurückhaltend. Sie braucht „ihren“ Lehrer und vor allem sollte sie arbeiten können. Der Lerneifer, der schon in diesem kleinen Wesen steckt, ihre Begriffsfähigkeit, das Umsetzungs- vermögen….. – es ist eine Aufgabe für mich. Ihre Entdeckungslust, ihre Begeisterung für alle neuen Dinge kennt keine Grenzen, bis sie im 3. Lebensmonat durch eine Bissverletzung schwere Kopf- und Augenverletzungen davonträgt. Sie erblindet auf einem Auge. Dieser Vorfall verändert ihr Verhalten maßgeblich. Sie büßt ihre ganze Lebensfreude, ihren Wissendrang ein und es dauert unendlich lange, bis ihr Vertrauen in andere vierbeinige Spielgefährten wieder hergestellt ist. Jedoch ist bis zum heutigen Tag in vielen Situationen eine Unsicherheit unverkennbar und für fremde Personen oder Hunde unverständlich. Wer Finchen kennt, weiß, dass sie im Umgang mit anderen Hunden sehr verträglich ist. Sie akzeptiert Rüden und Hündinnen gleichermaßen, sofern diese ihr freundlich gesinnt sind. Jedoch weicht sie einer „Kampfansage“ nicht aus und „vergisst“ einen Feind nie.

Sehr schnell hat sie die ganze Familie davon überzeugt, dass sie andere Ansprüche an ein Familienleben stellt als ihre vierbeinigen Hausgenossen. Sie findet trotz Verbot immer irgendwo ein Bett, in dem es sich gemütlich schlafen lässt; ein Kleidungsstück zum Verbuddeln; einen Weg hinaus in den Garten, wenn niemand die Türe öffnet; und immer irgend jemanden zum Umgarnen. Sie hat mit der Zeit so einige Familienmitglieder im „Griff“, weil kaum jemand diesem „Würmchen“ etwas übel nehmen kann. Jede sich irgendwo bietende Möglichkeit auf einen Schoß zu klettern, oder zumindest ihre „lebenswichtigen“ Streicheleinheiten einzufordern, nutzt sie gnadenlos.

Mit knapp 4 Jahren wird Finchen das 1. Mal Mama. Wir erleben nun was es heißt, eine Mutterhündin mit ausgeprägtem Schutztrieb zu haben. Es darf in den ersten 3 Wochen noch längst nicht jeder Welpeninteressent ihre Welpen bewundern. Ebenso wenig ist den übrigen Hunden ein Blick in die Welpenkiste gestattet. Keiner wagt sich auch nur in die Nähe der Welpen, bis diese dann schließlich den Garten entdecken dürfen.
Auch bei ihren 2. Wurf, 2 Jahre später, zeigt sich ihr Schutztrieb mehr als wir gewohnt sind. Ilko ist einzig und alleine aus dem Hunderudel auserkoren, mit ihren Kindern zu spielen, den Welpenauslauf zu betreten. Wie es scheint überlässt sie ihm gerne ihre bald lästigen springenden, quietschenden und zwickenden Nachkommen und sucht sich besonders ruhige Plätze im Haus, um ungestört ihrem Schlafbedürfnis nachzukommen.

Und wer nun glaubt, dass ein Hovawart-Mädchen mit 7 Jahren erwachsen ist, der wird von ihr eines Besseren belehrt. Ihr Kindergesicht verspricht „ich bin für Unfug jeder Zeit zu haben“.
Für sie ist ihr jüngerer Halbbruder Ilko ein Partner, dessen Nähe sie liebt und sucht. Er war für sie, in alle den Jahren, das wichtigste vierbeinige Rudelmitglied. Nach seinem Tod zieht sich Finchen aus dem Hunderudel zurück und genießt es, wenn sie an den arbeitsfreien Tagen ihres, von ihr bereits im Junghundealter „auserwählten“ Frauchen (unsere Tochter Sabrina) ins Auto gepackt wird und in ihr 2. Zuhause reist.
Inzwischen, im Alter von 11 Jahren, wird es ruhiger um Finchen und ihre Aktionen. Sie lässt Katzen Katzen sein, Hasen werden auch nicht mehr „erschreckt“. Unsere Oldieline ist zu den „Kleinwildjägern“ gewechselt und begnügt sich auf ihre alten Tage mit Mäuschensuchen. Ihr liebstes Hobby ist jedoch „FRESSEN“ und es ist oft sehr sehr schwer, ihren bettelnden Augen auszuweichen. Mit den Jahren kommt der „Altersstursinn“ mit dem sie unbarmherzig (ichverstehdichnicht) bemüht ist, ihre Wünsche durchzusetzen (ach der arme alte Hund) und dem längst nicht jeder widerstehen kann. Leider zeigt sie keinerlei Interesse an unserem „jungen Gemüse“. Besonders Knubbel Marlon bemüht sich umsonst eifrig um Aufmerksamkeit. Finchen liebt es, stundenlang im Garten zu liegen und „ihr“ Reich zu bewachen. Es scheint, als warte sie jeden Morgen nur darauf, dass ihre Erzfeindin, die alte Schäferhündin „Tina“, endlich auftaucht, um sie bellend am Zaun entlang zu begleiten. Ist diese mit ihren Menschen endlich außer Sichtweite…. Man sieht es Finchen richtig an: „Das habe ich wieder geschafft.“
Man sieht Finchen, bis zuletzt, ihr hohes Alter nicht an. Doch sie zeigt uns mit knapp 14 Jahren, dass sie Abschied nehmen möchte.