Ilko vom Rothenbruch

„Sie können jetzt herüber kommen“. Mit dem Zeigefinger auf dem Mund werde ich in den OP-Raum geführt. Meine Babsy liegt noch auf dem OP-Tisch. Während der Tierarzt die große Bauchwunde verschließt darf ich nun endlich „unsere“ Babies sehen. Wie sehr hatte ich mir diesen Wurf, diese Verpaarung gewünscht? Bot sie doch die letzte Möglichkeit unseren Zwinger „vom Rothenbruch“ mit ebensolch wundervollen Hunden wie ihr fortzuführen. Und nun kommt alles ganz anders als erwartet. Das gemeinsame große Erlebnis der Geburt wird es nicht geben. Gleich nach den ersten erfolglosen Presswehen steht fest, ein Welpe steckt so fest, dass umgehend gehandelt werden muss. Es bleibt keine Zeit für „Versuche“ und so kommt nur eine Sectio in frage. Aus dem Körbchen unter der Wärmelampe tönen laute Protestschreie (ich will hier raus). Dass 2 Winzlinge solch einen Lärm machen können? „Ist ein Mädel dabei?“ Natürlich ist eines dabei; erkennbar an der lautesten Stimme. Da für die Zukunft ein 2. Rüde in unserem Rudel ausgeschlossen wird, ist dies für mich eine sehr gute Nachricht. Neben dem Körbchen liegt ein lebloser Welpe. „Das ist er. Er hat festgesteckt.“ Und bevor ich die ohnehin schon angeschlagene Fassung verliere, wird mir erklärt, dass er lebt. Ich kann es gar nicht glauben. Vorsichtig hebe ich das Kerlchen hoch. Er ist tot?! Er atmet nicht und hängt leblos in meiner Hand. Mir erscheinen die Minuten (waren es Sekunden?) endlos, bis ich seinen Herzschlag fühle. Angst und Glück, alles mischt sich durcheinander. Ich betrachte die beiden Schreihälse und wende mich wieder diesem Kerlchen zu. Sein Kopf ist viel zu schwer für diesen kleinen Körper und wirklich lebendig schaut er auch noch nicht aus, als Babsy endlich vom OP-Tisch gehoben wird. Ich werde über die weitere Vorgehensweise informiert und darauf aufmerksam gemacht, dass der Welpe in meiner Hand ein paar Minuten künstlich beatmet werden musste, aber sicher gute Chancen hat sich ganz normal zu entwickeln.
Die ersten Aufzuchtwochen mit nur 3 Welpen vergehen wie im Fluge. Es bleibt viel Zeit zum Spielen, Beobachten und Genießen. Alle 3 entwickeln sich gleichmäßig und richtig. Auch mein Sorgenkind, dessen häufiges Röcheln mich immer wieder aufhorchen und mir keine Ruhe lässt, trotz der Erklärung des Tierarztes (eine Folge der künstlichen Beatmung! Das wird sich mit der Zeit geben).
Die Auswahl der neuen Familien für Indo und Ilko ist bereits recht früh getroffen. Indra wird das Nest nicht verlassen!? Die Zeit eilt dahin. Ich darf nicht an den nahenden Abschied denken. Längst hat sich mein Herz für Ilko entschieden. Aber was wird aus meiner Zucht? Was wird Eddy zu einem 2. Rüden im Haus sagen? Wird Ilko sich überhaupt auch weiterhin so gut entwickeln (er röchelt mit 6 Wochen immer noch)? Kann ich ihn mit dieser Beeinträchtigung mit gutem Gewissen abgeben? Nein, kann ich nicht! Aber es ist nicht nur die Verantwortung, sondern viel viel mehr! Ich habe längst, ohne es zu diesem Zeitpunkt zu ahnen, eine sehr tiefe Bindung zu ihm aufgebaut. 1 Woche vor dem Abgabetermin steht endgültig fest; er wird bei uns bleiben.
Zu keiner Zeit gibt es einen Grund, diese Entscheidung zu bereuen. Er ist „mein“ Hovawart. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was korrigiert oder beklagt werden müsste. Er zeigt viele Wesensmerkmale seiner Mama Babsy. Schon jetzt als Baby ist er sehr leicht zu erziehen. Erziehen (?) ist eigentlich das falsche Wort. Es benötigt nur wenige Übungen oder Korrekturen. Ilko versteht mich ohne viele Worte. Es ist, als würden wir uns schon viele Jahre kennen. Er besitzt alle diese Eigenschaften, die ich mir von einem Hovawart erträume, die mich so an dieser Rasse faszinieren. Er ist absolut freundlich, verträglich und ausgeglichen. Er besitzt ein mittleres Temperament, weder einen erkennbaren Beute- noch Kampftrieb und liebt alles winzig Kleine. Ob Meerschweinchen, Katzen (solange sie nicht sein Reich betreten), Vögel. So oft finden wir in unserem Garten nestjunge Vögelchen. Wie vorsichtig er sie beschnuppert. Meist werde ich erst durch ihn auf einen „Pflegefall“ aufmerksam. Er weicht nicht von der Stelle und schaut mich hilflos mit seinen treuen Augen an: „mach doch was“. Diesen Blick zeigt er aber auch dann, wenn Menschen vor ihm, seiner Größe, Angst zeigen. Oder wenn er einfach nur beachtet werden, zum Spiel auffordern möchte. Ich liebe diesen Blick unendlich, sein liebenswertes Wesen, alles an ihm. Er ist mein Sonnenschein! Ein Bär, wenn er seine dicken Pfoten auf meinen Arm oder Schoß legt, um einer Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Ich genieße jeden Spaziergang mit ihm bei jedem Wetter. Wie eine Feder schwebt er, trotz seiner Größe, vor mir her. Wann enttäuscht er mich, trotz seines Eigensinns?

Er mag kleine bis mittelgroße Hunde, egal welche Rasse oder welches Geschlecht. Im Umgang mit „Ebenbürtigen“ ist er umgänglich. Er sucht keinen Streit. Rüden mit auffälligem Imponiergehabe werden von ihm nicht beachtet, solange es sich vermeiden lässt. Jedoch versteht er keinen Spaß, wird seine „Stärke“ in frage gestellt. Immer wieder erstaunt er mich mit seiner Gutmütigkeit und seinem guten Sozialverhalten, mit seiner Ruhe, seiner Freundlichkeit und seiner „Vernunft“. Er kennt kein Misstrauen, keine „bösen“ Menschen oder Hunde. Und er gibt niemandem einen Grund ihm zu misstrauen.

Besonders zu den wärmeren Jahreszeiten laufen auf der Straße spielende Kinder jauchzend vor ihm weg. „Hilfe Ilko kommt!“ Und welchen Spaß macht es ihm, wenn sie sich schließlich ergeben und ihm die Hände oder das Kinn zum Ablecken hinhalten. Meist gibt es zum Abschied ein Leckerle.
Ilko ist im Haus ein eher unauffälliges Familienmitglied. Gerne liegt er stundenlang draußen hinter dem Gartenzaun und beobachtet das Treiben auf der Strasse. Wann hört man ihn bellen? Vielleicht um den „unverschämten“ Nachbarsrüden zu warnen? Oder aber aus Freude! Und wenn er sich freut, dann freuen sich 55 KG Hund mit einer mächtigen Stimme! Wer aber nun glaubt, dass eine solche „Masse“ Hund träge oder unsportlich ist, wird überrascht von seinem Eifer bei sportlichen Aktivitäten; wenn seine Laune es gerade zulässt. Jedoch ist seine Begeisterung spätestens dann gebremst, wenn es um regelmäßige Übungen geht. Wenn er nicht will, dann will er nicht!
Als Jüngster in unserem Rudel wird er von allen geliebt. Selbst Eddy genießt nach dem Tod seiner Mutter Candy Ilko’s Nähe. Nirgends ist der „Kleine“ vor ihm sicher. Wenn dem Älteren nach einer Schmuserunde zumute ist, kann er sehr lästig sein. Selbst dann noch als Ilko, schon eine Weile vor dem Tod seiner Mutter, völlig unauffällig und wie selbstverständlich die Führung in unserem Hunderudel übernimmt. Es ist faszinierend, mit welcher Souveränität er, gelegentlich „geplante“ Angriffe seiner Halbschwester Finchen auf unsere „Rentnerin“ Babsy lediglich mit Einsatz seines Körpergewichtes schon im Keim erstickt.
Wie selbstverständlich übernimmt er die Erziehung seiner Tochter Amara, die 9wöchig zu uns kommt und ihn sehr fordert. Mit welcher Geduld begegnet er diesem Powerpaket, zeigt wenn nötig Grenzen auf und ist ein wundervoller Spielgefährte. Er ist ein sicherer und gerechter Führer, wie es einst sein Großvater Astor und seine Mama Babsy waren.

Zu keiner Zeit wird dieser Führungsanspruch in Frage gestellt bis zu diesem Vorfall, der uns völlig unvorbereitet trifft. Ist es wirklich unvorbereitet? Nein, eigentlich nicht! Denn schon seit einigen Wochen (sind es nicht schon einige Monate?) bemerken wir, dass Ilko sich nach den Spaziergängen gerne zurückzieht. Er verschwindet ins Souterrain oder in den Garten, ohne immer wieder einmal, wie eigentlich für ihn typisch, zu kontrollieren, ob ich noch zu Hause bin und sich dann nach ein paar Streicheleinheiten, oder auch nach Erbetteln eines Leckerle wieder zurückzuziehen. Wir machen für dieses Ruhebedürfnis die manchmal „anstrengende“ Anwesenheit seiner Tochter verantwortlich, die immer zum Spielen aufgelegt ist und ihn mit Quietschetier, Pappkarton, Decke oder Tau überfällt und deren Aufforderung er sich nicht so leicht entziehen kann. Da er jedoch während der langen Spaziergänge keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt, er in keiner Weise beeinträchtigt wirkt und die Aufforderung zum wilden Toben durch Wald, Wiesen, Bäche, Matsche, etc…… nicht immer nur von Amara, sondern oft von ihm ausgeht, mache ich mir keine Gedanken über sein Verhalten. Auch sein plötzlich auftretender Ungehorsam in Gegenwart von anderen Hunden beunruhigt mich erst einmal nicht. Es gibt in unserer Region mehrere heiße Hündinnen im Frühsommer, so dass es, wenn auch bei ihm völlig ungewöhnlich, für sein ungezogenes Verhalten, jeden Hund unbedingt begrüßen und evtl. besteigen zu müssen, eine Erklärung gibt. Es dauert einige Zeit, bis ich sicher weiß, dass seine so „Auserkorenen“ nie weiblichen Geschlechts sind. Dieses inzwischen auffällige unangenehme Verhalten ist immer häufiger Gesprächsthema in unserer Familie, zumal er Eddy und seinen Schmuseeinheiten meist sichtlich ausweicht, andererseits seine gelegentlichen, eigenen „eindeutigen“ Annäherungsversuche unsere Aufmerksamkeit erwecken. DAS ist nicht Ilko, wissen wir. Er erscheint mir unsicher, unstet und so fremd. Unsere Spaziergänge werden so ausgerichtet, dass wir möglichst wenig engeren Kontakt mit anderen Rüden haben. Sein Benehmen wird immer auffälliger, unverständlicher. Ich suche Rat bei unserem Haustierarzt und einer qualifizierten Hundetrainerin. Aber wonach soll gesucht werden?
Völlig unerwartet trifft uns eine Auseinandersetzung zwischen unseren beiden Rüden. Auch wenn diese unblutig endet, wir fühlen, es wird nicht die letzte bleiben. Und es vergehen wiederum ein paar Tage, bis wir erkennen – nicht Ilko fordert die Auseinandersetzung. Nein, er geht Eddy aus dem Weg. Sondern der 11jährige Eddy sieht seine Zeit gekommen? Ich erinnere mich der Zeit, in der wir uns auf Babsys Abschied vorbereiten mussten. Sah nicht auch Finchen „ihre Zeit“ als gekommen? Aber ich darf und kann nicht daran denken…….. Ich will es nicht wahrhaben. Er ist doch noch so jung.
Als sich schließlich bei einer der regelmäßigen „Körperkontrollen“ ein winzig kleiner Knoten an Ilkos linkem Hoden ertasten lässt, sitzt der Schock tief. Sofort suche ich mit ihm unseren Tierarzt auf. Er versichert mir, dass fast alle Hodentumore gutartig sind; sei denn sie sind sekundär, also als Metastasen angesiedelt. Keinesfalls kann dieser kleine stecknadelkopfgroße Knoten Beschwerden oder Unwohlsein, geschweige denn hormonelle Störungen verursachen. Er sieht die derzeit unglückliche häusliche Situation als Dominanzproblem. Die Entfernung des Hoden sollte nur in dringenden Fällen in Erwägung gezogen werden, wozu er zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung sieht. Auch wenn ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann, ich bin nicht zufrieden mit diesem Ergebnis und fasse nach jedem „Strohhalm“. Eine Woche später besuche ich mit Ilko eine Heilpraktikerin, die mir sehr empfohlen wird. Nach wenigen Minuten bedauere ich diesen Besuch, der nicht nur eine Menge Geld kostet, sondern für mich die Qualität sämtlicher Homöopathen in frage stellt. Ihre Beobachtung (das ist aber kein dominanter Rüde) ist zu diesem Zeitpunkt vollkommen korrekt, aber ihre Diagnose (eindeutig die Libido), die mit Pendeln etc. ausgelotet wird, ist falsch, wie sich bald zeigt. Dennoch nehme ich ihren Rat, sowie ihren Behandlungsplan an.
Inzwischen sind 2 weitere sorgenvolle Wochen vergangen. Der Hodentumor ist auf Haselnussgröße herangewachsen. So „normal“ und scheinbar ungezwungen sich Ilko unterwegs mit seiner Tochter Amara verhält (ist er nicht auch dann sehr oft lustlos, wie abwesend?), so auffallend ist er zu Hause. Selbst Finchen wird durch sein Verhalten inzwischen verunsichert. Unsere Besucher/ Töchter sind gehalten, ihn nur zu beachten, wenn er selbst dies wünscht. Auch wenn er sich weiterhin freundlich gegenüber jedermann verhält, sehen wir doch, dass er sich sehr schnell zurückzieht und seine Ruhe sucht. Es ist erschreckend mit anzusehen, wie er sich innerlich von uns entfernt. Des Öfteren starrt er plötzlich nach Oben, als sehe er eine Gefahr auf sich zukommen. Oder er erstarrt wenn ich, ohne ihn zuvor anzusprechen, liebevoll über seinen wunderschönen Kopf streichele. Und wiederum besuche ich mit ihm den Tierarzt. Inzwischen hat der Tumor die Größe einer halben Walnuss. Mir wird ein OP-Termin zur Entfernung des auffälligen Hoden zusagt, obwohl dies immer noch nicht als indiziert angesehen wird. Lediglich zu meiner Beruhigung fassen wir diesen Termin ins Auge.
Der folgende Sonntag: Wir verlassen das Haus. Es trifft mich völlig unvorbereitet, als Ilko mit aller Kraft drohend nach vorne geht. Er ist nicht ansprechbar. Ich habe Mühe ihn zu beruhigen und seinen Blick vom gegenüberliegenden Waldweg abzulenken. Nichts, aber auch gar nichts ist zu entdecken. Kein Hund, kein Mensch, keine Katze, kein Vogel,…… Rein gar nichts! Erst nach ein paar anstrengenden Minuten zeigt sich, etliche Meter von uns entfernt, der Grund seiner Erregung: Kaiko, der hinterhältige Akita-Rüde der Nachbarin (Er ist bekannt dafür urplötzlich aus dem Hinterhalt aufzutauchen und seine, eher alten und schwachen Opfer ohne Vorwarnung oder irgendeine Kommunikation rücklings anzufallen).
Erst nach geraumer Zeit beruhigt sich Ilko und jagt wie gewohnt mit seiner Tochter über die Weiden. Über Zäune – unter Zäunen her, Stöckchen suchen, Zerrspiele und Mäuschensuche. Wir befinden uns schließlich auf einem befestigten Weg, als mir auffällt, dass Ilko seine Hinterhand nicht unter Kontrolle hat. Er bleibt stehen, schaut mich so hilfesuchend an, dass ich in diesem Moment spüre, ich verliere ihn. Er bricht zur Seite weg. Ich informiere meine Familie, den Tierarzt. Als wir die Tierarztpraxis erreichen, ist Ilko’s Hinterhand komplett gelähmt. Sämtliche Bemühungen in dieser Nacht sind vergeblich. Dennoch, ich will, ich kann ihn nicht aufgeben, kann mich mit einem Verdacht, mit der grausamen Gewissheit, die nun nur bleibt, nicht abfinden und bestehe darauf; er muss mit mir nach Hause. Hier zeigt er einen ungeheuren Appetit. Er frisst und frisst und frisst. Egal, was ich ihm vorlege, er findet kein Ende. Er leert mehrmals hintereinander seinen Futternapf, saugt regelrecht eine große Tüte Trockenpansen und mehrere Tüten Schmackos auf und scheint immer noch nicht gesättigt. Und obwohl er hier mit mir durch eine Etage im Haus von unseren übrigen Hunden getrennt ist, nimmt er jedes leiseste Geräusch unruhig auf, will sich aufrichten. Kämpft und droht. Er ist schließlich nur medikamentös zu beruhigen. Ich weiß der Gehirntumor gibt uns keine Chance. Ich muss ihn gehen lassen.
Ilko der Hovawart. Ich verliere viel viel mehr als einen Hund. Ich verliere einen wundervollen Partner, wie es ihn nie wieder geben wird. Und ich suche nach dem Sinn, frage nach der Gerechtigkeit. Warum bleibt einem solchen wundervollen, gutmütigen und wunderschönen Hund nicht mehr Zeit zum Leben? Warum darf ich nicht viele schöne Jahre mit ihm verbringen? Mich an seinem herrlichen Wesen, seiner Schönheit erfreuen? Warum nur muss er so früh gehen?
Die Spaziergänge ohne ihn sind so trostlos. Die Wege scheinen endlos. Mein Kopf ist so leer. Mein Sonnenschein ist nicht mehr da. Es werden noch viele Jahre vergehen bis ich mich von ihm endgültig verabschieden kann.